The future is Green – or not at all

Lieber M.

Es ist eine Weile her, dass wir uns sahen. Ich sagte Dir den letzten Termin ab, denn ich war unterwegs, weg, in einem anderen Land. Es war eine Chance, nicht nur ein Termin. Davon möchte ich erzählen.

Wie Du weißt, liegt mir unsere Welt am Herzen. Unsere Erde, die Natur, Tiere, häufig auch Menschen. Deshalb sind mir Umweltschutz und Klimaschutz wichtig. Deshalb bin ich bei den Grünen. Deshalb war ich im April in Liverpool auf dem Global Greens Congress, einer Art Parteitag auf höchster Ebene. Aus der ganzen Welt kamen rund 2.000 Menschen zusammen, die in den Grünen Parteien oder Vereinigungen ihrer Heimatländer politisch und gesellschaftlich aktiv sind. Es war ein buntes Miteinander, ein aufeinander zugehen, ein sich kennenlernen, ein sich selbst hinterfragen und manchmal besser verstehen. Immer das erhebende Gefühl, da steht noch jemand für dieselbe Sache ein. Wir sind viele. Wir sind überall!

Stell Dir unseren Tagesablauf so vor, dass wir am Tag fünf oder sechs 90 minütige Sessions besucht haben, jeweils unterbrochen von 30 Minuten Kaffeepause oder einer längeren Mittagspause. Stell Dir vor, dass mehrere Sessions parallel stattfinden und Du dich entscheiden musst, mehr über grüne Alternativen zu Militarismus zu erfahren oder von der Unabdingbarkeit der Umsetzung des Pariser Klimaabkommens zu hören. Es war nicht leicht! Das Schema aller Sessions war gleich: 45-60 Minuten Input durch Panelspeakers, danach 30-45 Minuten Diskussion mit den Anwesenden. Es war so intensiv!

In den vier Tagen ist so viel passiert, so viele Begegnungen habe ich erleben dürfen, dass ich Dir gar nicht alles erzählen kann.

  • Da war der Japaner in der Büffetschlange hinter mir, der endlich eine deutsche Grüne fragen konnte, wie wir Angela Merkel zum Atomausstieg gebracht haben. Wir seien seine Vorbilder.
  • Da war der Inder, der mit Händen und Füßen radebrechte, weshalb er die Himalayas retten möchte. Drängender und flehender kann ein Blick nicht sein bei dem bloßen Gedanken an das, was mit den Menschen entlang des Ganges passieren könnte, wenn dessen Wasserquelle versiegt.
  • Da war Anne-Marie Bhirabake aus Burundi. Sie erzählte von der harschen Realität in ihrer Heimat, wo Menschen ausgestoßen werden, ermordet und eingekerkert für ihre politische Meinung. Sie erzählte, wie schwierig es in Burundi ist über Demokratie auch nur zu reden. Die Menschen leben in Angst und extremer Armut. Sprachlos machte mich auch John aus Ruanda mit seiner Geschichte von Verfolgung und Bedrohung. Er setzt sich für Naturschutz und soziale Gerechtigkeit in seiner Heimat ein. Er hat nichts verbrochen.
  • Da war Peter aus Bristol, der von Politik nichts versteht, kein Verhältniswahlrecht kennt, aber nach dem Brexit Referendum bei der Green Party of England and Wales (GPEW) eingetreten ist, weil er eine diffuse Bedrohung seiner Freiheit spürt.

Ja, der Brexit war häufig Thema.

Do EU still love me?

So hieß also auch eine der unzähligen Sessions in einem der Hörsäle, zu der rund hundert Teilnehmer*innen gekommen waren. Diese Session hat mich sehr berührt. Für England habe ich ein großes Faible. Spätestens seit ich mit 11 das erste Mal dort in eine Summer School ging und in einer Gastfamilie eine neue Welt entdeckte. Ich mag die Menschen, die Kultur, ihre Frühstücksgewohnheiten, den niedlichen und friedlichen Patriotismus, die Nostalgie für längst vergangene Tage, die dünne Ironie, die Kruppstahl zum Bersten bringen kann. Wie schlimm der Brexit wird, können wir uns kaum ausmalen. Wohl aber spüren die Menschen in England, dass ein weiteres historisches Ereignis an dem Gerüst des einst weltumspannenden Königreichs und damit an ihrer Identität rüttelt.

18:30 Das Podium beginnt. Molly Scott Cato, die Grüne MdEP für South West England beginnt mit ihrer Frage, wie der Brexit unser commitment an die direkte Demokratie beeinflusst. Schlüssel dafür ist natürlich eine freie Presse. Doch wann ist Presse eigentlich frei? Sie vertritt die Meinung, dass die Menschen in Großbritannien vielmehr mit einer stark eingeschränkten Presse leben müssen.

Molly ruft ihre Grünen auf, sich die positiven Auswirkungen des Brexit zunutze zu machen. Dinge wie faire Handelsabkommen zu fordern, die vorher nicht zur Disposition standen, oder sich mit der Energie junger Menschen zu rüsten, die sich zum ersten Mal politisch engagieren. Sie endet mit einem trotzigen

“I do believe the decision can be reversed.”

19:00 Philippe Lamberts ist ebenfalls Grüner MdEP. Er teilt seinen Standpunkt mit, dass die EU zusammengehört:

“If I look at some of the challenges that face humanity on this tiny confetti of land: climate change, refugees, Putin, Trump, terrorism: these are our challenges. Do we really want to face these challenges on our own?”

Wir sitzen alle im selben Boot. Die Atmosphäre im Raum wird intensiver. Emotional. Schwermütig. Trotzig. Unruhig bei der Vermutung, dass der Brexit, in welcher Form auch immer, unvermeidbar sei.

19:30 Ross Greer, Schottlands jüngstes Parlamentsmitglied, tobt über die Ablehnung Großbritanniens, Schottland ein eigenes Unabhängigkeits­referendum zuzugestehen:

“For a UK Prime Minister to write to the European Union about the British people’s right to self-determination on the same day as she denies the Scottish theirs is utterly unacceptable.”

19:45 Christine Milne, Gründerin der australischen grünen Partei, rührt zu Tränen. Sie erinnert an das große Friedensprojekt Europa, in dem Freizügigkeit, Demokratie, gleiche Rechte, individuelle Freiheiten wie gesellschaftliche Freiheiten die Grundrechte ihrer Bürger sein sollen. Europa ist unsere Chance auf Frieden. Die Chance unserer Kinder auf Frieden. Europa ist ein Versprechen für uns und kommende Generationen, aufeinander Acht zu geben. Miteinander achtsam umzugehen.

„Europe was the peace project of post World War II, it is tragic to see the far-right tear that down. That’s not to say the EU doesn’t have problems, but the unity of our nations, the ability to move freely, these things are important.”

Eine emotionale Diskussion entbrennt. Manche Stimme bricht bei der Erzählung, welches persönliche Schicksal der Brexit heraufbeschwören könnte. Wut wird geäußert. Enttäuschung. Kampfeslust, sich nicht unterkriegen zu lassen. Ich sitze mittendrin und habe einen Kloß im Hals. Diesen Menschen hier geht ein demokratisches Ergebnis direkt an die Substanz, ans Leben.

Dann ist die Zeit um. Nach den Dankesworten der Panelspeaker hängt Schweigen im Raum. Langsam fangen wir an zu klatschen, während wir bedrückt unsere Sitznachbarn links und rechts umarmen.

Lieber M.

Aus Liverpool bin ich voller innerer Überzeugung nach Hause gekommen, dass grüne Politik die Welt zum besseren verändern kann.

Für mich ist der Preis nicht hoch, meine Haltung nach außen zu tragen und anderen Menschen zu zeigen, warum ich an eine bessere Welt und eine Rettung von Natur und Umwelt glaube. Meine Stimme zählt und meine Stimme kann ich laut klingen lassen. Ich verstehe dies als ein Privileg, das jedermanns Freiheit und Selbstverständnis sollte. Uns ist hierzulande allen die Freiheit gegeben für eine nachhaltige, gerechte und menschengerechte Welt zu sprechen – unabhängig davon, in welcher (politischen) Nuance wir uns diese wünschen.

Aber unsere Stimme zählt! Deine Stimme zählt!

The future is green – or not at all.

Deine A.